Trikotkunde – Titanic, Tante Pauli und Werbung auf der Brust


Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts improvisiert der junge Athletic Club eine erste Spieluniform: Weißes Shirt, weiße Hose, schwarze Stutzen. Erstmals in professionellerer Garnitur treten die Mannen aus Bilbao bei der ersten Copa del Rey im Jahr 1903 an: Das Trikot ist längsgeteilt – weiß auf der einen, dunkelblau auf der anderen Seite – Hose und Stutzen sind weiterhin schwarz. 

Bis zum Jahr 1910 wird Athletic in Blau-Weiß-Schwarz (und wohl auch im selben Trikotsatz) spielen. 1909 stellt man fest, dass es langsam Zeit für eine frische Garnitur wird, und es kommt ein Student namens Juan Elorduy ins Spiel. Der junge Mann unternimmt zu Weihnachten eine Reise nach England und wird vom Klub damit beauftragt, einen Satz mit 50 Trikots zu besorgen. Der Legende nach landet Juan Elorduy schließlich in Southampton. Dort wird gerade gefeiert, dass die Titanic in Belfast gebaut wird und bald aus der südenglischen Hafenstadt auslaufen soll. Die Stadt sei in Rot und Weiß dekoriert gewesen, was den Farben der Stadt und denen der Titanic entspreche. Elorduy habe die Dekoration so gut gefallen, dass er entscheidet, einen rot-weißen Trikotsatz statt eines blau-weißen zu kaufen.

So kommt Juan Elorduy mit 50 Trikots wieder nach Bilbao zurück. Die neue Errungenschaft kommt im Januar 1910 bei einem Freundschaftsspiel gegen Sporting Irún zum ersten Mal zum Einsatz. Bereits 1906 hatte der Athletic Club aus Bilbao eine Zweitvertretung mit dem Namen Athletic Madrid gegründet. Diese kommt 1912 zu einem Freundschaftsspiel nach Bilbao und erwähnt lobend die neue Farbgestaltung des baskischen Muttervereins. Kurzerhand bekommt sie 25 der 50 Trikots überreicht und so spielt fortan auch Athletic Madrid, später Atlético Madrid, in rot-weißen Längsstreifen. 

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte durchläuft das Athletic-Outfit die üblichen modischen Wandlungen: Rundhälse und Krägen, mal enger, mal weiter, mal mit kürzeren, mal mit längeren Hosen. Die Stutzen mal schwarz, mal weiß. Trikotausrüster kommen und gehen, in den 2000er-Jahren wird sogar kurzzeitig vereinseigen produziert. Bis in die 1980er-Jahre hinein ist es üblich, einen Satz über mehrere Saisons zu tragen, bevor die Outfits zu den Zweitvertretungen zur weiteren Verwendung heruntergereicht werden. Dies ist aus heutiger Sicht genauso undenkbar wie die Geschichte des Athletic-Torwarts Vicente Biurrun, von 1986 bis 1990 in Diensten der Athletic. Der in Brasilien geborene Schlussmann trägt seine gesamte Profikarriere lang selbstgefertigte Jerseys, die seine Tante Pauli aus
São Paolo für ihn anfertigt. Und Tante Pauli mag es bunt: In Grün, Blau und Rosa läuft Biurrun unter anderem auf. „Wir waren allerdings selbst dafür verantwortlich, das Ausrüsterlogo und das Vereinsemblem aufzunähen,“ so Biurrun.

Erstmals in der Saison 2004/05 
gibt es einen Brustsponsor, wenn auch lediglich touristischer Natur: Bei der Rückkehr von Athletic nach Europa soll der Schriftzug „Euskadi“ Reisende ins Baskenland locken. 2008 wird das örtliche Ölunternehmen Petronor erster kommerzieller Trikotsponsor, es folgt Kutxabank, ein Finanzinstitut mit Sitz in Bilbao. Ganz egal jedoch, welches Unternehmen auf der Brust wirbt und welchen Schnitt die Mode vorgibt: Die traditionellen rot-weißen Streifen auf dem Heimtrikot sind Pflicht – jedenfalls fast immer. Für das Europapokal-Shirt werden sie 2004 durch eine Art Kleckse ersetzt, was unter den Fans zu lebhaften Diskussionen führt. Während viele das Jersey als „Ketchup-Trikot“ verspotten, freuen sich eher wenige über den Mut des Klubs und des Designers Darío Urzay. Das gewagte Werk ist im Athletic-Museum ausgestellt. Es wird nur bei zwei Freundschaftsspielen in den Niederlanden getragen, kurz darauf finden Präsidentschaftswahlen statt und die neue Klubführung lässt das Shirt einstampfen.

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