Der "Fall Bibi" - Warum eine Deutsche bei Athletic spielen darf

 

Bleibt bis 2025: Bibiane Schulze

Jahrzehntelang war sie ein ungeschriebenes Gesetz, aber seit einigen Jahren ist die Klubphilosophie von Athletic auch auf der Website des Klubs verschriftlicht: „Die Gesamtheit der Fußballer des Athletic Club wurde in Euskal Herria geboren oder dort ausgebildet“, heißt es dort. 

Dies umschließt selbstverständlich auch die Frauenmannschaften des Klubs, die seit rund 20 Jahren aktiv sind. 2019 dringt durch, dass Athletic Bibiane Schulze Solano
 
für seine zweite Mannschaft verpflichten will. Die Spielerin ist im Taunus geboren und wurde beim 1. FFC Frankfurt ausgebildet. Ihr Vater ist Deutscher und ihre Mutter Baskin aus einem Dorf unweit von Bilbao. Sie besitzt die deutsche und die spanische Staatsangehörigkeit. Als die geplante Verpflichtung öffentlich wird, stürzt sich die Presse beider Länder, von „El País“ über „Marca“ bis hin zu „11 Freunde“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, auf das heiße Eisen Klubphilosophie. Nehme man diese im Wortlaut, dann erfülle die Spielerin keine der Voraussetzungen, um für den Klub auflaufen zu dürfen, so die einhellige Auslegung in den Redaktionen. „Nicht baskisch genug für Athletic Bilbao?“, titelt beispielsweise die „FAZ“.  „11 Freunde“ wittert sogar ein spanisch-baskisches Dilemma. Man stellt die Vermutung an, der spanisch klingende zweite Nachname „Solano“ sei in Bilbao auf Ablehnung gestoßen: Bei einem baskisch klingenden Nachnamen gäbe es die ganze Diskussion vielleicht gar nicht. Mit einem Federstrich erhält die Debatte – auf der Suche nach Clicks und Share – eine politisch-ideologische Färbung. Die damals erst 20-jährige Bibiane Schulze Solano steht plötzlich im ungewohnten Rampenlicht. Dabei will sie nur in der Heimat ihrer Mutter, die sie auch als ihre eigene betrachtet, bei ihrem Lieblingsklub den Traum vom Profifußball verfolgen.

Zwischen ihrer Familie und Athletic besteht eine enge Verflechtung: José María Belaustegigoitia „Belauste“ ist Bibianes Urgroßonkel und war in den 1920er-Jahren einer der Stars des Teams. Aitor Elizegi, Klubpräsident von 2018 bis 2022, schweigt lange zur Thematik und sagt schließlich, er halte die gesamte Debatte für künstlich konstruiert. „Bibiane passt in die Philosophie. Ihre Familie passt, ihr Lebensweg, ihre Kenntnis von Athletic, ihr Wunsch, für diesen Klub aufzulaufen und ihr Respekt gegenüber unserem Wappen“, beschließt er im Rahmen einer Pressekonferenz. Bibiane Schulze Solano feiert 2020 ihr Debüt für die erste Frauenmannschaft, woraufhin die Thematik erneut Gegenstand einiger Publikationen in beiden Ländern wird. Zur Saison 2021/22 wird sie zum FC Valencia verliehen, um dort Spielpraxis in der höchsten Liga zu sammeln. Seit Sommer 2022 ist Bibiane zurück in BIlbao und in der Athletic-Innenverteidigung zur Stammspielerin avanciert. Im Februar 2023 wurde sie erstmalig in die spanische Nationalelf berufen, musste wegen einer Verletzung jedoch absagen.
 
Der "Fall Bibi" zeigt, wie je nach amtierendem Präsidenten die Klubphilosophie durchaus unterschiedlich ausgelegt wird. Aitor Elizegi hielt in einer zunehmend globalisierten Fußballwelt seine Auslegung für zeitgemäß: Eine klare Verbindung der Spielerinnen und Spieler zur Region, zu ihrer Geschichte und ihren Traditionen muss zu erkennen sein. Außer dem Geburtsort oder dem Standort des Ausbildungsvereins kann für ihn auch eine starke familiäre und emotionale Bindung zum Klub ausschlaggebend sein: ihn von klein auf verfolgt zu haben, mit ihm gelitten und gefeiert zu haben sowie seine Werte zu leben. Die Spielerinnen und Spieler sollen Athletic-Fans sein, die das Privileg genießen, für das Team ihres Herzens auf dem Platz stehen zu dürfen. 

Durch die Vertragsverlängerung bis 2025 hat der neue Präsident Jon Uriarte diese Interpretation ratifiziert. Mit Interesse wird nun beobachtet werden, ob während seiner Amtszeit bis 2026 weitere vergleichbare Entscheidungen getroffen werden. 

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