Die Symphonie von San Mamés
Den Abend des 12. März 1980 in San Mamés wird Cristobal Machín Fernández de la Puente, Spitzname Balín, niemals vergessen. Der Athletic Club tritt in seinem Lieblingswettbewerb an, der Copa del Rey, zu jener Zeit noch als unangefochtener Rekordpokalsieger mit 23 Titeln. Im Achtelfinale wartet Real Madrid, jedoch nicht die Startruppe um Uli Stielike und Vicente del Bosque. Es ist die zweite Mannschaft der Blancos, die es überraschend in die Gruppe der letzten 16 Teams geschafft hat. Balín ist Außenstürmer bei Real Madrid Castilla. In die erste Mannschaft wird er es nie schaffen. An jenem Abend treibt er jedoch Athletic mit seinen pfeilschnellen Sturmkollegen zur Verzweiflung. Nach dem 0:0 im Hinspiel in Madrid steht Athletic unter Zugzwang, muss treffen, um ins Viertelfinale einzuziehen. Castilla zieht sich weit zurück, verteidigt clever und fährt überfallartige Konter – wieder und wieder eingeleitet von Balín. Das Spiel gewinnt die Reserve von Real Madrid mit 2:1. Der Anschlusstreffer von Athletic durch Goikoetxea fällt erst in der letzten Minute. Balín und Kollegen können ihr Glück kaum fassen, wollen schnell in die Katakomben zum Feiern. „Als wir aber in die Kabinen verschwinden wollten, forderten uns die gegnerischen Fans in San Mamés auf, wieder herauszukommen, und feierten uns. Das war unbeschreiblich“, erinnert sich Balín im Gespräch 40 Jahre später. Die Anhänger in Bilbao gelten seit jeher als fanatisch, aber genauso wie sie das eigene Team voranpeitschen, wissen sie auch, die Leistung des Gegners zu würdigen. Die großen Gesten der Fans scheinen sich bisweilen sogar auf die „härtesten Hunde“ zu übertragen. Der Österreicher Helmut Senekowitsch ist damals Trainer bei Athletic und bis heute in Bilbao wegen seiner strengen Trainingsmethoden in Erinnerung. Nach der Partie habe er gesagt, er würde Balín sofort verpflichten, wenn dieser Baske wäre, erinnert sich Balín. Welch ein Lob für einen Nachwuchsspieler aus einem Reserveteam, das soeben den Rekordpokalsieger aus seinem Lieblingsturnier geworfen hat.
Wahre Größe und Sportsgeist zeigen sich bekanntermaßen nicht nur bei eigenen Niederlagen – auch der Umgang mit Siegen will gelernt sein. Dass San Mamés auch gewinnen kann, bekommt am 8. Februar 2012 der Drittligist CD Mirandés zu spüren, der es sensationell in das Halbfinale der Copa del Rey geschafft hat, auf dem Weg dorthin drei Erstligisten ausschaltete und an jenem Tag zum Rückspiel in San Mamés antritt. Die Geister der Achtelfinalniederlage gegen die zweite Mannschaft von Real Madrid 32 Jahre zuvor vertreibt der Athletic Club bereits im Hinspiel beim CD Mirandés weitgehend. Es endet auswärts mit einem knappen, aber komfortablem 2:1 für die Basken. Das Rückspiel wird eine glasklare Angelegenheit. Beim Stand von 6:2 für Athletic kurz vor dem Abpfiff feiert die ausverkaufte Kathedrale den Einzug in ein erneutes Finale des Lieblingswettbewerbs – allerdings nicht ohne den unterklassigen Kontrahenten zu würdigen. Aus knapp 40.000 Athletic-Kehlen schallen „Mirandés, Mirandés“-Sprechchöre. Die Spieler des Drittligisten werden nach Spielschluss mit Standing Ovations aus dem Stadion verabschiedet.
Eine „andere Art, den Fußball zu verstehen“, habe San Mamés schon immer gehabt, berichtet der baskische Rundfunk EITB am 23. Mai 2013. Kurz zuvor war Xavi Hernández vom FC Barcelona bei seiner Auswechslung nach einem famosen Auftritt von den Athletic-Fans mit Standing Ovations bedacht worden. Der Mittelfeldstar und Weltmeister zeigt sich im Anschluss sehr dankbar für die Geste des Publikums, das ihm „Gänsehaut“ bereitet habe. Als Xavi im Januar 2022 zum ersten Mal als Trainer des FC Barcelona in San Mamés antritt, hat er nur lobende Wort für das Publikum und den Klub über: „Manchmal bin ich hier vom Feld gegangen und hatte das Gefühl, Athletic-Spieler zu sein“, sagt er in der Pressekonferenz vor dem Spiel.
Auch Ryan Giggs, der beim Duell von Athletic gegen Manchester United in der Europa-League-Saison 2011/12 in der 68. Minute ausgewechselt wird, macht eine ähnliche Erfahrung. Die walisische Klublegende hat bis zu jenem Zeitpunkt bereits so einiges an Applaus von gegnerischen Fans erlebt. Die Kathedrale setzt jedoch noch einen drauf und verabschiedet ihn mit Standing Ovations. Vereinstreue wird in Bilbao seit jeher besonders gewürdigt und bewundert, und so genießt „One-Club Man“ Giggs natürlich den höchsten Respekt bei den Athleticzales. Da staunt auch Teamkollege Patrice Evra, der spontan dem Publikum applaudiert.
Diese großen Gesten und Respektsbekundungen sind jedoch keineswegs eine Einbahnstraße. Wer die Wärme von San Mamés erfahren will, muss sie sich verdienen und, noch viel wichtiger, ebenso respektvoll mit Team und Publikum umgehen. Erwähnt sei natürlich, dass trotz aller Sportlichkeit nicht jeder Fan in der Kathedrale ein Engel ist, und so kann die Stimmung auch mal umschlagen. Als am 2. Mai 2012 Real Madrid in Bilbao durch ein deutliches 3:0 die vorzeitige Meisterschaft feiert, lässt sich Cristiano Ronaldo von einigen Athletic-Fans provozieren, die jeden Fehlschuss des portugiesischen Superstars feiern und beleidigende Gesänge gegen ihn anstimmen. Bereits beim Stand von 0:0 hat Ronaldo einen Elfmeter vergeben: Er versucht, Torwart Gorka Iraizoz mit einem Panenka zu überwinden. Überhebliche Gesten dieser Art kommen beim Publikum in Bilbao seit jeher nicht gut an und werden als Respektlosigkeit wahrgenommen. Ronaldos wiederholtes Deuten auf das Vereinswappen in Richtung des Publikums heizt die Atmosphäre weiter an, und das Anheben dreier Finger, um den Athletic-Fans das Ergebnis vor Augen zu halten, bringt San Mamés kurz vor Schluss endgültig zum Kochen. Während seine Kollegen nach Abpfiff den Meistertitel bejubeln, liefert sich Ronaldo ein Wortgefecht mit Athletic-Spieler Javi Martínez, der nach einer Gelb-Roten Karte im Kabinentunnel ausharrt und nun zurück aufs Spielfeld läuft, um dem Superstar dessen respektloses Verhalten vorzuhalten. Letzterer verabschiedet seinen Kontrahenten mit einer obszönen Handgeste, dem corte de mangas.
Cristiano Ronaldo findet sich folglich bis dato nicht in der langen Liste derer, die San Mamés unter dem Jubel der gegnerischen Fans verließen. Sie wartet mit prominenten Namen wie Alfredo Di Stéfano, Johan Cruyff oder Zinédine Zidane auf. Die „Mutter aller Ovationen“ dürfte jedoch Michael Laudrup in der Saison 1995/96 zuteilgeworden sein. Diese beeindruckt den dänischen Superstar bis heute so sehr, dass im Jahr 2021 gar ein Gastbeitrag von ihm darüber in der Tageszeitung „El Correo“ erscheint. Mit Juventus Turin, dem FC Barcelona und Real Madrid habe er in Bilbao gespielt, berichtet Laudrup. An alle Partien in San Mamés denke er mit „enormer Zuneigung“ zurück, aber ein Auftritt sei ihm besonders in Erinnerung geblieben: der mit Real Madrid am 24. Januar 1996. Nur drei Tage zuvor haben die Hauptstädter ihren Trainer Jorge Valdano entlassen. Vicente del Bosque übernimmt den Posten unmittelbar vor dem Spiel in der Kathedrale. Real steht auf dem achten Tabellenrang und hinkt weit hinter den eigenen Ansprüchen hinterher. In Bilbao gelingt nach dem Trainerwechsel plötzlich alles. 5:0 gewinnt Real das Auswärtsspiel, Laudrup tritt doppelt. Als er in der 82. Minute ausgewechselt wird, erhebt sich das Publikum und Applaus brandet auf – wohlbemerkt bei einem Rückstand von zu jenem Zeitpunkt bereits vier Treffern. „Natürlich sind sie [die Fans] hingebungsvoll und lieben ihre Mannschaft. Aber –und das habe ich selbst erlebt – es handelt sich auch um eine Anhängerschaft, die guten Fußball anerkennt. […] Das Verhalten des Publikums war bewegend und markiert einen der bedeutendsten und schönsten Momente meiner Karriere“, so Laudrup. Das Ambiente in der Stadt vor den Spielen beschreibt er als „unglaublich“, man spüre die Lust auf Fußball wie nirgendwo anders. „Dieses Ambiente herrscht auch in Sevilla oder Neapel, aber dort ist es anders, sehr lärmend. In Bilbao war es so, als hörte man klassische Musik.“

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