Mit Heynckes Jupp in den Europacup
Im Sommer 1993 ist man beim Athletic Club schwer beeindruckt vom Schaffen des Trainers aus Deutschland, der die Geschicke des Teams seit genau einer Saison leitet. „Fünf Minuten Gespräch mit diesem Mann reichen aus, um deutlich werden zu lassen, welche grundlegende Maxime über seinem Fußballkonzept schwebt: die Mentalität, immer und so hoch wie möglich gewinnen zu wollen“, heißt es im Klubmagazin zur Saison 1992/93.
Nach dem Abgang des englischen Trainers Howard Kendall, der von 1987 bis 1990 die Athletic-Bank besetzt, folgen zwei unstete Jahre, die niemanden im Klub so recht zufriedenstellen. Heynckes will daher vor seiner Vertragsunterschrift im Frühjahr 1992 nicht die Katze im Sack kaufen. Er habe sich ein Spiel von Athletic bei Espanyol Barcelona angeschaut, berichtet der Trainer 2017 im Interview mit dem „Tagesspiegel“. Das sei so grauenhaft gewesen, dass er direkt abgesagt habe. Er lässt sich aber doch noch umstimmen, nachdem er zum Spiel gegen Real Sociedad eingeladen wird. „Das war ein Derby, volles Haus, tolle Atmosphäre. Da haben sie 3:1 gewonnen, und da konnte man schon ein bisschen Athletic sehen, den Kampfgeist. Die sind gerannt ohne Ende. Gekämpft haben sie immer, wie verrückt.“
Für die Fans zählt natürlich auch, attraktiven Fußball zu sehen, und den bietet ihnen Heynckes, vor allem daheim in San Mamés. Nur vier von 19 Spielen gehen zuhause verloren, elfmal können die Zuschauer einen Heimsieg bejubeln. Heynckesʼ ansehnlicher, direkter und offensiver Fußball liefert spannende Spiele, die sich in beide Richtungen entwickeln können. In der gesamten Saison 1992/93 enden nur sechs Partien unentschieden, deutlich weniger als bei jeder anderen Mannschaft der Liga. Alles gute Gründe für Heynckesʼ Aussage , die schließlich den Titel des Interviews im Vereinsmagazin bildet: „Wir sind auf einem guten Weg.“
Doch Heynckesʼ Weg wird nicht immer hürdenlos verlaufen. Kurz nach Ablauf seiner ersten Saison in Bilbao wird er zum ersten Mal spürbar damit konfrontiert, dass auch beim Athletic Club – so sehr sich das Gesamtkonzept auch von dem anderer Klubs unterscheiden mag – Marktgesetze herrschen, die der moderne Fußball diktiert. Im Juli 1993 erschüttert den Klub die Nachricht, dass Verteidiger und Leistungsträger Rafael Alkorta den Klub Richtung Real Madrid verlassen wird. Aufgrund der verpassten Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb sind Athletic finanzielle Zwänge entstanden, die durch Ablösesummen, sofern sich eine günstige Situation bietet, kompensiert werden müssen.
Auf einer Pressekonferenz zum Abgang Alkortas nimmt Jupp Heynckes kein Blatt vor den Mund: „Wenn Athletic sich nicht für den europäischen Wettbewerb qualifiziert, müssen noch mehr Spieler verkauft werden, auch wenn ich persönlich etwas dagegen habe“, zitiert „Mundo Deportivo“ den Coach. Der Verkauf junger Talente ist bei Athletic seit jeher ein heikles Thema, das Heynckes auf überraschend direkte Art anspricht. Trotz des schmerzhaften Inhalts kommen die Aussagen aufgrund ihrer Klarheit und Offenheit in Bilbao gut an. Heynckes setzt sich und sein Team damit zwar zusätzlich unter Druck, zeigt aber in der folgenden Saison 1993/94, dass er diesem standhalten kann. An deren Ende steht der fünfte Platz und damit die Qualifikation für Europa, die in San Mamés überbordend mit einem Platzsturm nach Abpfiff der letzten Partie gefeiert wird.
Jupp Heynckes verlässt nach diesem großen Erfolg Bilbao auf eigenen Wunsch. Das maximale Entwicklungspotenzial des Athletic-Teams sieht er ausgereizt: „Ich hatte einfach andere Ambitionen, wollte mal Meister oder wenigstens Pokalsieger werden“, sagt er 2017 im Interview mit dem „Tagesspiegel“.
Als Jupp Heynckes 2001 nach Bilbao zurückkehrt, hat er in der Zwischenzeit mit Real Madrid die Champions League gewonnen und es so zu Weltruf gebracht. Kein Wunder, dass das zusammen mit den Erinnerungen an dessen erste erfolgreiche Ära große Hoffnungen in Bilbao weckt. In den Jahren seit Heynckesʼ Abgang dümpelte Athletic meist im Mittelfeld, erreichte aber in der Saison 1997/98 mit der Vizemeisterschaft einen großen Erfolg. Jetzt soll der alte und neue Coach daran anknüpfen.
In zwei eher ereignisarmen Saisons gelingt Heynckes dies jedoch nicht: Zweimal scheitert das Team knapp an der Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. Dennoch ist auch aus seiner zweiten Amtszeit Erfolgreiches zu vermelden. Auf die Jugend setzt Heynckes weiterhin und lässt unter anderem Aritz Aduriz debütieren, der über Umwege zur Klublegende werden wird. In der Saison 2001/02 gelingt der Einzug ins Halbfinale der Copa del Rey, das Athletic aber nach starkem Hinspiel im Rückspiel bei Real Madrid vergeigt. Heynckes sorgt zudem mit einigen polemischen Aussagen für Ärger bei den Fans, beispielsweise als er – auf die Klubphilosophie anspielend – behauptet, Athletic sei wie ein „Volkswagen in der Formel Eins“.
Als Heynckes 2013 seinen Abschied vom Traineramt verkündet, nachdem er mit dem FC Bayern den zweiten Champions-League-Titel seiner Laufbahn erringt, nennt er die drei wichtigsten Vereine seines Lebens: seinen Heimatverein Borussia Mönchengladbach, den FC Bayern München und den Athletic Club. Wegen solcher Aussagen und aufgrund seines gesamten Auftretens in vier Jahren Bilbao hat Heynckes bis heute einen Platz in den Herzen vieler Fans sicher.

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