Ein Deutscher bei Athletic?!?
Das Bild stammt aus der Saison 1937/38, als der Ball kriegsbedingt ruhte. Oben in der Mitte befindet sich der Torwart Jorge Kirschner de Labra. Dies ist seine Geschichte:
Jorge Kirschner Sanzʼ Erinnerungen an seinen Vater
verblassen nach und nach – über 25 Jahre sind vergangen seit dessen Tod.
Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die diverse Umzüge der Familie überdauert haben,
lassen sich an einer Hand abzählen und rufen dennoch längst vergessen geglaubte
Details ins Gedächtnis. Ein adrett gekleideter älterer Herr, der einen Dackel
liebevoll auf dem Arm hält. Ein junger Mann im feinen Zwirn, lässig an einen
Zaun gelehnt. Und ein Fußballteam, vor oder nach einer Partie auf dem Feld
abgelichtet. „Ich erinnere mich an einen Scherz, den mein Vater zu machen
pflegte“, sagt Jorge Kirschner Sanz beim Anblick des Mannschaftsfotos, auf dem
sein Vater mit einem Kreuz markiert ist. „Wer auf die leichte Art eine Wette
gewinnen wolle, der müsse einfach behaupten, beim Athletic Club aus Bilbao
hätte mal ein Deutscher gespielt. Jeder würde natürlich sagen, dass das falsch
wäre. Wenn jedoch die Wahrheit herauskäme, wäre die Wette gewonnen. Das ist
einige Male tatsächlich so passiert.“ Es ist nicht überliefert, ob Jorge
Kirschner de Labra – so hieß der Vater von Jorge Kirschner Sanz mit vollem
Namen – den Wetteinsatz wirklich einforderte. Fest steht jedoch, dass er
sich aus gutem Grunde so sicher war, dass er die Wette gewinnen würde: Jorge
Kirschner de Labra war Deutscher. Und er war Torwart bei Athletic.
Es ist Anfang des 20.
Jahrhunderts, als die Familiengeschichte der Kirschners die erste von vielen
bemerkenswerten Wendungen vollzieht. Der 1887 geborene Georg Kirschner
beschließt, seine Heimat Berlin zu verlassen und sein unternehmerisches Glück
im fernen Spanien zu suchen – das genaue Jahr lässt sich nicht mehr
nachvollziehen, ebenso wenig wie die Gründe für die Entscheidung. Kirschner,
der einer betuchten jüdischen Kaufmannsfamilie entstammt, lässt sich in Madrid
nieder. Das fortan von ihm betriebene, äußerst erfolgreiche Geschäft dreht sich
um den Bergbau: Er handelt mit Schienenfahrzeugen und sonstigem Equipment, das
unter Tage zum Einsatz kommt. Georg Kirschner residiert in der spanischen
Hauptstadt, pflegt jedoch enge geschäftliche Beziehungen ins Baskenland, wo der
Eisenerzabbau boomt. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg stellt sich bald auch das
private Glück ein. 1913 heiratet Georg Kirschner Amalia de Labra aus Bilbao.
Als Residenz für die frisch gegründete Familie wählen sie das Zentrum von
Madrid und beziehen eine herrschaftliche Wohnung an der Plaza de la Lealtad,
direkt neben dem Hotel Ritz. Dort erblicken ihre drei Kinder Amalia, Alberto
und Jorge das Licht der Welt. Die gesamte Familie besitzt ausschließlich die
deutsche Staatsangehörigkeit, und die Kinder besuchen die Deutsche Schule.
Inmitten der jungen
Familienidylle erleben die Kirschners, wie sich die deutsche Geschichte in
Spanien zu wiederholen scheint. Auf die Monarchie folgt eine kurze Phase der
Republik, bevor die Faschisten an die Macht drängen. Was Georg Kirschner vor
dem Hintergrund seines jüdischen Glaubens von diesen hält, ist nicht schwer zu
erraten. „Mein Großvater hatte ‚Mein Kampf‘ gelesen und diverse Passagen
gewissenhaft unterstrichen. Nach der Lektüre schlug er das Buch in Kraftpapier
ein und benannte es kurzerhand in ‚Sein Krampf‘ um“, berichtet Jorge Kirschner
Sanz. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs 1936 entscheidet sich Georg
Kirschner dennoch, ein Evakuierungsangebot der deutschen Regierung anzunehmen.
Die Situation in Madrid ist den Kirschners vermutlich zu unübersichtlich und
gefährlich geworden: „Das Auto meines Großvaters, ein Mercedes, wurde zugunsten
eines Militärführers ‚beschlagnahmt‘, genauso wie etliche wertvolle Objekte
seiner Privatsammlungen“, berichtet Kirschner Sanz. Und so begibt sich die
gesamte Familie in Bilbao auf ein Passagierschiff mit dem Ziel Hamburg, das im
französischen Le Havre einen Zwischenhalt einlegen soll. Georg Kirschner hat
Kenntnis von den 1935 erlassenen Nürnberger Rassengesetzen und ist fest
überzeugt davon, dass Hitler einen Krieg anzetteln wird. Dem Widerstand der
deutschen Beamten an Bord zum Trotz und dank des entschiedenen Einschreitens
der französischen Behörden gelingt es Familie Kirschner, das Schiff in Le Havre
zu verlassen. Bis etwa Ende 1937 lebt die Familie in Genf und Mailand, bevor
sie nach Bilbao zurückkehrt, nachdem Francos Truppen die Stadt eingenommen
haben.
Wo der 1920 geborene jüngste
Spross der Kirschners, Jorge Kirschner de Labra, seine Liebe für den Fußball
entdeckt, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Wahrscheinlich bereits daheim
in Madrid, eventuell auch erst in der Schweiz oder in Italien. Jedenfalls muss
er ein sehr guter Spieler gewesen sein, als er in der Saison 1937/38 – die
Primera División ist wegen des Kriegs unterbrochen und die Zukunft von Athletic
ungewiss – an einem vom Klub organisierten Jugendturnier teilnimmt. Aus den
39 teilnehmenden Mannschaften sollen die Spieler rekrutiert werden, die
Athletics Farben nach Kriegsende in der ersten Liga vertreten. Jorge Kirschner
de Labra muss als Torwart die Beobachter überzeugt haben: Er wird einer jener
Auserwählten. Im Frühjahr 1938 debütiert er bei der offiziellen Vorstellung des
neuen Athletic-Teams beim 6:1-Sieg gegen eine Auswahl der angrenzenden Provinz
Burgos. Zur Halbzeit wird er gegen Daniel Idígoras, den zweiten Anwärter auf
den Torwartposten, ausgewechselt. Nach seinem Einsatz im Heimspiel gegen Real
Unión Irún im Mai 1938 wird Jorge Kirschner von Reporter José Luis Isasi lobend
erwähnt: „Die Abwehr war unauffällig und der Torwart Kirschner sehr gut“,
schreibt dieser in der Tageszeitung „Hierro“. Der 5:2-Sieg des jungen
Athletic-Teams gegen die erfahrenen Männer aus der Grenzstadt verblüfft die
Beobachter. Auch bei einer 3:6-Niederlage im Estadio San Mamés gegen Racing
Santander steht Kirschner wenige Tage später zwischen den Pfosten. Danach jedoch
verliert sich seine Spur in den Archiven gänzlich. Von den drei Torhütern, die
in den Freundschaftsspielen getestet werden, erhält Kirschner die meisten Einsatzminuten,
aber im Kader bei der Wiederaufnahme der Regionalmeisterschaften gegen
Deportivo Alavés stehen im Oktober 1938 nur Kirschners Teamkameraden José María
Echevarría und Daniel Idígoras. Echevarría, der erst vor Kirschners letzter
Partie zum Team stößt, wird Stammtorhüter und gewinnt als solcher mit Athletic
1943 das Double aus Liga und Pokal. Jorge Kirschner hingegen wird nie einen Pflichtspieleinsatz
im Athletic-Trikot bestreiten.
Asier Arrate ist Leiter des erstklassig
sortierten Athletic-Museums im Estadio San Mamés. Der Name Jorge Kirschner ist
ihm ein Begriff, aber auch bei ihm ist die Datenlage dünn. Seine Informationen
über den deutschen Athletic-Torwart decken sich mit denen, die der
Schwiegersohn von Kirschners Teamkameraden Echevarría zusammentrug. Buchautor
Carlos Aiestaran veröffentlichte diese im Rahmen eines Artikels über den
Wiederaufbau des Athletic-Teams in der Saison 1937/38 für das
Fußball-Forschungszentrum CIHEFE. Dort taucht Kirschner in drei
Mannschaftsaufstellungen auf, danach nie wieder. Aiestaran besitzt auch ein
Mannschaftsfoto der Athletic-Elf aus jenen Zeiten, auf dem Jorge Kirschner mit
seinen Kameraden in San Mamés abgelichtet wurde. Das Foto mit der Markierung über
Jorge Kirschners Kopf zeigt jedoch ein völlig anderes Team. Vermutlich handelt es sich um Juventud Montañesa, ein Team aus dem benachbarten Kantabrien. In Presseartikeln aus dem Jahr 1939 erscheint der Name Kirschner in einigen Mannschaftsaufstellungen, darunter bei einem Spiel der Copa del Rey.
Aus dem Athletic-Torwart wird der junge Mann, der lässig im feinen Zwirn an einem Zaun lehnt. Jorge Kirschner de Labra studiert Jura an der Universität Santiago de Compostela und macht seinen Abschluss in Rekordzeit, nur drei Jahre benötigt er. Später wird er erzählen, er habe das Studium nur so schnell hinter sich gebracht, weil er keine große Lust aufs Pauken hatte. Im Anschluss kehrt er in den Familienbetrieb seines Vaters Georg Kirschner nach Madrid zurück. Während im restlichen Europa der Zweite Weltkrieg tobt, führen die Kirschners ein nur scheinbar ruhiges Leben. Die deutsche Botschaft schikaniert die Familie nach Kräften – auf privater wie auf beruflicher Ebene. Georg Kirschner – der Herr mit dem Dackel auf dem Arm – lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken. „Mein Großvater war ein Mann mit enzyklopädischem Wissen und genoss hohes Ansehen in der jüdischen Gemeinde in Madrid. Er half deutschen Juden, denen die Flucht über Frankreich nach Spanien gelang. Viele kamen in sein Büro in der Calle Fernanflor, direkt neben dem Abgeordnetenhaus. Dort erhielten sie Papiere, Geld und Tickets, um sich nach Südamerika abzusetzen,“ so Jorge Kirschner Sanz.
Alle übrigen Mitglieder der Familie Kirschner bleiben in Deutschland. Georgs Schwester Erna wird aus der Heil- und Pflegeanstalt Branitz (im heutigen Polen) in das KZ Sonnenstein deportiert und dort ermordet. Als Todesursache ist im Bundesarchiv „Euthanasie“ vermerkt – der zynische Deckmantel der Nazis für den Massenmord an Menschen mit psychischen Erkrankungen. Von weiteren Familienmitgliedern aus Berlin fehlt bis heute jede Spur, sie gelten als verschollen, so beispielsweise Georgs Bruder Paul und seine Frau. Ein Schicksal, das vermutlich auch Georg Kirschner, Amalia de Labra und ihre Kinder ereilt hätte, wäre das Verlassen des Evakuierungsschiffs in Le Havre nicht gelungen. Sie sind die einzigen der gesamten Familie, die den Holocaust überleben.
1951 verstirbt Georg Kirschner in
Madrid – bei seinem Tod ist er staatenlos. Das Nazi-Regime hatte der
Familie die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Vier Jahre zuvor erlebt er
noch, wie sein jüngster Sohn Jorge heiratet. Zwei Kinder gehen aus der Ehe
hervor. Jorge Kirschner de Labra ist als Unternehmer in verschiedenen Branchen
erfolgreich und fest in Madrid verwurzelt. Nach Bilbao pflegt er weiterhin sehr
enge Beziehungen – Stadt und Menschen liegen ihm sehr am Herzen. Häufig
besucht die Familie den guten Freund Imanol Viar, mit dem Kirschner zusammen
für Athletic auflief. Viele Sommerurlaube werden an der baskischen Küste in
Hondarribia verbracht. Die Kirschners sind weiterhin staatenlos, trotz aller
Unannehmlichkeiten, die Auslandsreisen mit dem seltenen Nansen-Pass mit sich
bringen. Jorge Kirschner de Labra bringt es nicht fertig, die deutsche
Botschaft aufzusuchen, zu tief sitzt der Schmerz über das Erlebte. Schließlich,
viele Jahre nach Kriegsende, fällt das Familienoberhaupt einen Entschluss:
„Mein Vater entschied, dass wir versuchen müssten, die große Tragödie zu
vergessen und reiste zur Vergangenheitsbewältigung nach Deutschland“, berichtet
Jorge Kirschner Sanz. Nach seiner Rückkehr tritt Jorge Kirschner de Labra den
schweren Gang zur deutschen Botschaft in Madrid an. Innerhalb von 72 Stunden
halten er und seine Familie Pässe der Bundesrepublik Deutschland in den Händen.
Als der einstige Athletic-Torwart 1996 verstirbt, ist er ausschließlich
deutscher Staatsbürger, obwohl er in Madrid geboren wurde und nie in
Deutschland gelebt hat. Sein Sohn Jorge Kirschner Sanz besitzt ebenfalls heute
noch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Über die Gründe für Jorge
Kirschners Ausscheiden aus dem Athletic-Team im Frühjahr 1938 kann lediglich
spekuliert werden. Fällt er durchs Raster, weil José María Echevarría spät zum
Team stößt und ihm den Posten streitig macht? Verlässt er aus familiären Gründen
Bilbao wieder? Jorge Kirschner ist damals erst 18 Jahre alt, die Situation in
den Kriegsjahren unübersichtlich. Passt er vielleicht auch nicht in den Plan
des Klubs, ausschließlich auf Spieler aus der Provinz Bizkaia zu setzen, der
sich zu jener Zeit als Klubphilosophie herauszukristallisieren beginnt? Daniel
Idígoras und José María Echevarría erfüllen – anders als der in Madrid
geborene Deutsche – die Kriterien des Klubs. Nimmt Jorge Kirschner daher
zunächst das Angebot von Juventud Montañesa an, bevor er sein Studium
aufnimmt?
„Mein Vater hat seine Verbindung mit Athletic nie vergessen und trug sie Zeit seines Lebens stolz im Herzen. Der historische Moment, in dem das alles passierte, hat sein Leben für immer geprägt“, ist sich Jorge Kirschner Sanz sicher. Viele Fragen rund um die Karriere des deutschen Athletic-Torwarts werden wohl für immer unbeantwortet bleiben. Aber sein Sohn weiß, was aus dem Menschen Jorge Kirschner de Labra wurde. Und er kennt etwas, das viel mehr bedeutet als Fußball: das Schicksal seiner Familie. Es darf niemals in Vergessenheit geraten.





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