Der lange Schatten der Pappel
Die größte aller Vereinslegenden: José Ángel Iribar
Am 5. Juni 2013 wird „El Txopo“ noch einmal eingewechselt. Im schwarzen Torwartdress läuft er unter Standing Ovations aufs Feld, der Jubel ist ohrenbetäubend. Mit seinen damals 70 Jahren hat er nur wenig von der Figur eingebüßt, die ihm seinen Spitznamen einbrachte: schlank und hochgewachsen, die Pappel. Arme wie Äste, die in jede Ecke des Tores zu wuchern scheinen. Der Albtraum ganzer Generationen von Gegenspielern: Puskás, Netzer, del Bosque.
Für José Ángel Iribar ist es ein besonderer Tag. Nicht nur, weil er mit 70 Lenzen noch einmal für ein paar Minuten das Tor in einem Freundschaftsspiel für Athletic in San Mamés hüten darf. Es ist das allerletzte Spiel in der alten „Kathedrale“ – wenige Monate nach dem Abschiedskick gegen eine baskische Regionalauswahl zieht Athletic in den neu errichteten, modernen Fußballtempel. Im alten Stadion hat Iribar 18 Saisons gespielt, seine gesamte Profikarriere – ein One-Club Man.
Fast auf den Tag genau 46 Jahre zuvor, am 31. Mai 1967, befindet sich José Ángel Iribar an gleicher Stelle zwischen den Pfosten. Iribar steht in der Startelf – die unumstrittene Nummer eins, auch in der spanischen Nationalelf, deren Trikot er an diesem Tag trägt. Die Kathedrale ist spärlich gefüllt, die Stimmung weniger festlich als 46 Jahre später. Mit 2:0 gewinnen die Iberer ein unspektakuläres EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei. Auch dieses Duell wird ein letztes Mal markieren, aber das kann Iribar noch nicht ahnen. Noch über 30 weitere Spiele wird er für La Roja bestreiten, aber nie wieder in San Mamés. Der 31. Mai 1967 ist sogar bis heute der letzte Tag, an dem Spanien ein Heimspiel in Bilbao, gar im ganzen Baskenland, absolviert. Die Region und die Person Iribar pflegen beide ein ähnlich ambivalentes Verhältnis zur spanischen Nationalelf.
Iribars Auftritte als Torwart und als Mensch – besonders im Athletic-Trikot, aber auch für die spanische Nationalelf – machen ihn zu einer Legende des Klubs. Es gibt zwei Szenen, die sinnbildlich für die Bedeutung von El Txopo für Athletic stehen und die außergewöhnliche Verehrung, die ihm das Publikum entgegenbringt, verdeutlichen. Das Finale des spanischen Pokals 1966 verliert Athletic mit dem erst 23-jährigen Iribar im Kasten mit 0:2 gegen Real Saragossa. Nach der Partie wird Iribar dennoch auf den Schultern eines Pulks Athletic-Fans aus dem Madrider Estadio Santiago Bernabéu getragen. Und das, obwohl die erfolgsverwöhnten Anhänger langsam ungeduldig werden, da seit acht Jahren kein Pokal mehr errungen wurde – die längste Durststrecke in der Klubgeschichte zu jenem Zeitpunkt. „Sie schenkten uns zwei Tore ein, hätten aber durchaus noch häufiger treffen können“, berichtet Iribar in seinen von Pedro Mari Goikoetxea aufgezeichneten Erinnerungen. „Ich zeigte eine gute Leistung, aber es brachte alles nichts.“ Die Fans feiern ihn trotzdem, als hätte er eigenhändig den ersehnten Titel errungen. „Lasst mich bitte runter, wir haben doch verloren“, wiederholt Iribar immer wieder. Doch die Fans sind nicht zu stoppen, setzen ihm sogar eine Baskenmütze auf, die er sich aber schnell vom Kopf reißt. Die „Txapela“ ist schließlich in der baskischen Tradition dem „Txapeldun“, das heißt dem Champion, vorbehalten. Und das geht Iribar dann doch etwas zu weit.
Die andere Situation stammt aus einem Ligaspiel gegen Real Madrid zuhause in San Mamés. Athletic liegt mit 1:0 in Führung, als Iribar einer seiner wenigen schweren Fehler unterläuft. Verteidiger Jesús Aranguren passt den Ball zu ihm zurück, und das Leder gerät auf dem seifigen Untergrund etwas ins Rutschen. Iribar schätzt die Situation falsch ein und der Ball kullert ihm durch die Beine ins Tor. Die Wut und das anschließende Pfeifkonzert der Fans gelten jedoch nicht Iribar, sondern seinem bemitleidenswerten Mitspieler Aranguren, da man „damals Rückpässe zum Torwart noch nicht gern sah“, meint Iribar. „Zum Teil war das der Grund, aber hauptsächlich, weil das Publikum mir quasi alles verzieh.“
Dabei muss sich natürlich auch Iribar seine Sporen erst verdienen. Weniger allerdings beim Publikum, das ihm von der ersten Minute an zu Füßen liegt, als bei Mitspielern und insbesondere bei den alten Haudegen, auf die er als Jungspund in seinen Anfangsjahren trifft. El Txopo debütiert in der Saison 1962/63 im Duell gegen Real Madrid daheim in San Mamés. Und gleich in seinem ersten Heimspiel kochen die Emotionen in Bilbao über. Der Schiedsrichter ahndet ein Foul, das für alle Zuschauer sichtbar mindestens einen Meter außerhalb des Strafraums erfolgt, mit Elfmeter für Real Madrid. Damals bringen viele Fans zu jedem Besuch in der Kathedrale ein Sitzkissen mit, das die harten Bänke für das Sitzfleisch etwas erträglicher macht. Nach dem Elfmeterpfiff fliegen die Kissen zu hunderten auf den Rasen und hindern Ferenc Puskás daran, zur Ausführung anzutreten. Der unerfahrene Iribar möchte in dieser Situation beschwichtigen und entscheidet, sich mit Altstar Puskás, damals bereits Mitte 30, auszutauschen. „Schieß ihn vorbei“, bittet Iribar ihn, „sonst weiß ich nicht, was hier passiert.“ Puskás ist jedoch gänzlich unbeeindruckt von der Atmosphäre und antwortet: „Jaja, klar, hijoputa!“ Diese Beleidigung der Mütter seiner Gegner sei eines der ersten Wörter gewesen, die der Ungar in Spanien gelernt habe, so Iribar in seinen Memoiren, und Puskás habe es fortan gern und oft benutzt. Unnötig zu erwähnen, dass der Altstar den Elfer eiskalt versenkt und damit das Spiel zugunsten von Real entscheidet.
Der Reifeprozess bei „El Txopo“ ist – auch aufgrund solch prägender Erlebnisse – kürzer als bei anderen Profis. Bereits kurze Zeit später wird er zur spanischen Nationalelf berufen und gewinnt im Sommer 1964 den Europameistertitel – als Stammtorwart mit nur 21 Jahren. Im Tor des Endspielgegners UdSSR steht sein großes Vorbild Lew Jaschin. Iribar hätte nichts lieber als dessen Trikot, traut sich aber nach dem Finalsieg nicht, ihn darum zu bitten. Schließlich erbarmt sich einer seiner Kameraden und besorgt ihm das Trikot, das er bis heute wie einen Schatz hütet. Beim Empfang in der spanischen Hauptstadt zu Ehren der neuen Titelträger trifft der erklärte baskische Nationalist, der sich aber selbst als „unpolitisch“ beschreibt, auf den faschistischen Diktator Francisco Franco. Der habe sich – auf Iribars Alter anspielend – lediglich bei ihm erkundigt, ob er „der Benjamin“ der Gruppe sei. „Danach Gruppenfoto und ab nach Hause. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es Canapés gab oder nicht“, kommentiert El Txopo das Treffen süffisant in seinen Memoiren.
In der spanischen Nationalelf ist Iribar in der Folge jahrelang als Stammtorwart gesetzt. Bei der WM 1966 und der EM 1968 kommt er zum Einsatz und wird insgesamt 49 Länderspiele bestreiten. Zum letzten Mal wird er wenige Monate nach Francos Tod im April 1976 in einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland eingesetzt, danach wird er nie wieder berufen. Einen Grund dafür gibt ihm niemand. Er selbst geht davon aus, dass man verhindern will, dass er die runde Anzahl von 50 Spielen erreicht. An der Nationalelf reizt ihn seit jeher vor allem die sportliche Herausforderung. Die politischen Implikationen sind ihm natürlich klar, aber er versucht, sich neutral zu verhalten: „Ich hatte immer die Mentalität eines Sportlers“, antwortet er 2019 in einem Interview auf die Frage, ob er das Gefühl verspürte, die spanische Nation – auch während des faschistischen Regimes – zu vertreten. „Der Fußball wird von den nationalen Verbänden, der UEFA und der FIFA organisiert, aber im Endeffekt repräsentiert man natürlich ein Land.“ Iribar sagt, er hätte gern noch weiter für Spanien gespielt und dementiert Gerüchte, er habe sich selbst zurückgezogen. Sein 50. und letztes Länderspiel bestreitet er, so sagt er selbst, für die wieder ins Leben gerufene baskische Nationalmannschaft im Jahr 1979, kurz vor seinem Karriereende.
Der Grund für die Nicht-Berufung des erklärt unpolitischen José Ángel Iribar könnte in einer explizit politischen Aktion liegen. Im Dezember 1976 befindet sich Spanien noch zu Beginn des Prozesses der Transición, des Übergangs von der Diktatur in eine Demokratie. Es ist eine Zeit voller Unsicherheiten, die geprägt ist vom Kampf der einzelnen Regionen um ein Höchstmaß an Autonomie. Regionale Symbole wie die baskische Fahne Ikurriña sind nach wie vor verboten. Beim Auswärtsspiel gegen Real Sociedad wenden sich die Gegner vor dem Spiel an Iribar als Kapitän von Athletic. Sie möchten mit der verbotenen Flagge einlaufen und sie auf dem Feld niederlegen. Ein äußerst heikles Unterfangen mit einer klaren politischen Botschaft in Richtung Madrid. Iribar stimmt sofort zu, holt sich das Einverständnis seiner Mannschaftskameraden und zieht den Plan gemeinsam mit dem gegnerischen Kapitän durch: Beim Einlaufen weht die Ikurriña, von den Kontrahenten in Einigkeit festgehalten, zwischen Iribar und Inaxio Kortabarria. Das Medienecho ist riesig, Konsequenzen für die Spieler bleiben jedoch aus. Nur Iribar wird ohne Angabe von Gründen nie wieder zur spanischen Nationalelf berufen. Er geht davon aus, dass Nationalcoach László Kubala, zu dem er ein ausgezeichnetes Verhältnis pflegt, unter Druck gesetzt wird. Anderthalb Monate später wird die Ikurriña legalisiert.
So ambivalent sein Verhältnis zur spanischen Nationalelf, so deutlich ist sein Bekenntnis zum Athletic Club. Als Jungspund nimmt ihn Luis Aragonés während einer Länderspielreise nach Glasgow auf eine Tour durch die Pubs mit und versucht, ihn zu einem Vereinswechsel zu überreden. Tenor: Wer Titel gewinnen will, muss zu einem renommierteren Klub wechseln. „Nachdem ich ihm zugehört hatte, beendete ich das Thema schnellstmöglich mit dieser Antwort: ‚Luis, ich bin schon bei einem großen Klub. Ich muss nirgendwo anders hin.‘“Und Titel wird er auch in Bilbao gewinnen, auch wenn seine aktiven Jahre keine besonders erfolgreiche Epoche in der Klubgeschichte markieren. Zweimal gewinnt er den spanischen Pokal, einmal die Vizemeisterschaft und erreicht das Finale des UEFA-Pokals.
José Ángel Iribar ist ein harmoniebedürftiger Mensch, der jedoch klare Meinungen vertritt, ohne dabei wie ein lautes Sprachrohr zu wirken. Jemand, der auf Anhieb sympathisch rüberkommt. Als in den 1970er-Jahren die Duelle mit dem Rivalen Real Sociedad San Sebastián immer ruppiger werden, setzt er sich aktiv für eine Entspannung ein, bringt die Spieler beider Teams bei gemeinsamen Essen und Feiern zusammen. Wenn er sich auf dem Feld ungerecht behandelt fühlt, kann er aber auch durchgreifen. Im Copa-Halbfinale 1967 kommt es zu – aus heutiger Sicht unfassbaren – Vorfällen. Iribar berichtet, der Trainer des Gegners aus Córdoba habe sich hinter seinem Tor platziert, um seine Spieler aufzufordern, Iribar bei Eckstößen Sand und Dreck in die Augen zu schleudern. Als sich beim Rückspiel in San Mamés ein gegnerischer Stürmer in Iribars Strafraum simulierend auf dem Boden wälzt, platzt El Txopo der Kragen: „Ich hatte es so satt, da habe ich ihn wie einen Sack Kartoffeln gepackt und ihn außerhalb des Strafraums abgelegt. Das Publikum hat das mehr gefeiert, als wenn wir ein Tor geschossen hätten.“
Heute ist José Ángel Iribar Botschafter des Klubs, dem er jede einzelne Sekunde seines Lebens – als Spieler, kurzzeitig als Cheftrainer, lange als Torwarttrainer – treu blieb, und als solcher bei praktisch allen offiziellen Anlässen vertreten. Ein besonderes Anliegen ist ihm die baskische Sprache und Kultur. So widmet er die Einnahmen aus seinem Abschiedsspiel der Erstellung eines Wörterbuches der baskischen Sportterminologie. Er ist Vorbild ganzer Generationen erstklassiger Torhüter, die der Klub in schöner Regelmäßigkeit hervorbringt: Andoni Zubizarreta, Gorka Iraizoz, Kepa Arrizabalaga, Unai Simón, Julen Agirrezabala. Kein einziger Presseartikel über ein Thema mit Torwartbezug kommt ohne die Nennung seines Namens aus: El Txopo, José Ángel Iribar, die größte lebende Legende des Athletic Club.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen