"Heynckes ist immer ein Gewinnertyp gewesen"


Förderer und Star: Coach Heynckes mit Zögling Guerrero

Julen Guerrero, Athletic hatte 1983 und 1984 die Meisterschaft gewonnen, befand sich aber 1992 in einer enormen Krise. Zu jenem Zeitpunkt taucht Heynckes auf und setzt auf die Jugend.

Ja, die Vorsaison [1991/92] war ziemlich hart, wir waren unten in der Tabelle, hatten nicht wirklich gegen den Abstieg gekämpft, aber beinahe. Heynckes kam einige Monate früher, um sich anzuschauen, wie die Dinge liefen, um den Klub kennenzulernen, sich Spiele anzusehen, auch der Reserve und vielleicht auch einige der A-Jugend ... Ich glaube, er hat sich alles angeschaut und soweit ich weiß waren seine Kommentare zu meiner Person sehr positiv. Er berief mich zur Vorbereitung, aber da musst du natürlich auch eine Reaktion zeigen. [...] Heynckes war definitiv ein Trainer, der meiner Meinung nach alles ein wenig revolutioniert hat, da Athletic vorher für einen direkteren Fußball, mehr fürs Kämpfen, stand. Er war ein Trainer, der Sachen ändern wollte, ohne Athletic diesen kämpferischen Charakter, der den Klub ausmachte, nehmen zu wollen. Er änderte beispielsweise das System in ein offensiveres 4-4-2 mit Raute, es wurde aus der Abwehr herausgespielt, immer mit Geduld, mit Ball, um die Partie unter Kontrolle zu haben. Er war anders.

Dieser Stil war wie auf dich zugeschnitten.

Ehrlich gesagt kam mir die Veränderung aufgrund meiner Eigenschaften als Fußballer sehr gelegen. [...] Die Tatsache, dass auf eine gute Ballbehandlung und Ballbesitz Wert gelegt wurde, passte besser zu meinen Eigenschaften, und Heynckes modernisierte den Klub in der Hinsicht. Ich glaube, wir haben uns alle sehr damit identifiziert. Er modernisierte die Anlagen, die Kabinen ... Er gab dem Klub einen neuen Anstrich und zwar genau dann, als er es nötig hatte. Denn es hieß, sich entweder neu aufzustellen oder weiterhin zu leiden. Zum Glück haben wir uns alle von Beginn an sehr wohl damit gefühlt, und ich glaube, jeder konnte sehen, dass die Auswirkungen auf alle sehr positiv sein würden. Von Anfang an hat alles gut funktioniert und wir haben sehr gute Ergebnisse geliefert.

[…]

In der folgenden Saison erzielst du 18 Tore und ihr kommt in den UEFA-Pokal. Das war ja damals quasi eine Heldentat. Was hatte diese Mannschaft, was hatte dieser Trainer? Wie habt ihr es innerhalb von zwei Jahren vom Abstiegskandidaten zum Konkurrenten um die Spitzenplätze geschafft?

Die Mentalität. Ich hatte eben noch Liga und Pokal mit der A-Jugend gewonnen. Wir kamen aus einem Gewinnerteam, das etwas erreichen wollte. Und er [Heynckes] ist ja in seiner Laufbahn als Spieler und Trainer immer ein Gewinnertyp gewesen, oder?

Absolut.

Wir haben es geschafft, die Einstellung im Klub zu beenden, dass man nichts Höheres anstreben kann, und angefangen, um Europa mitzuspielen, in der Tabelle oben stehen zu wollen. Die Atmosphäre in San Mamés trägt dich natürlich auch durch viele Spiele. Die Fans standen voll hinter uns und für die Gegner war es schwierig, Punkte mitzunehmen.

Ich erinnere mich an ein Spiel, das mich 25, 30 Jahre später immer noch prägt, im Camp Nou gegen den FC Barcelona von Johan Cruyff, das ihr 3:2 gewinnt. Du machst das 3:1, ich glaube nach einem Konter. Für mich eines der schönsten Spiele dieser Zeit.

Ich glaube, wir haben damals noch viele weitere sehr gute Spiele abgeliefert. Aber klar, in Barcelona gegen das Dreamteam von Cruyff zu gewinnen, die waren ja praktisch für alle anderen unerreichbar, und wir haben dazu noch guten Fußball gespielt … Vielleicht hat dieses Spiel klar gemacht: "Dieses Athletic-Team meint es ernst." Diese Spielphilosophie, die Lust aufs Gewinnen ... Es reichte nicht mehr aus zu sagen, "da ist es schwer zu gewinnen", sondern es hieß "wir fahren dahin und wollen gewinnen".

[...]

Uría [Athletic-Präsident ab 2001] brachte Heynckes zurück.

Er brachte Heynckes zurück, so ist es.

Aber es war nicht mehr dasselbe.

Es fing sehr gut an. Heynckes kam mit großem Tatendrang. Ich kann mich daran erinnern, wie er sogar in der Vorbereitung mit mir sprach und meinte, wir müssten das gute Gefühl, dass wir früher hinterlassen hatten, wieder zurückgewinnen. Außerdem starteten wir sehr gut in die Saison. Wir gewannen auswärts, ich erzielte mehrere Tore und dann hat er plötzlich nicht mehr auf mich gesetzt.

Warum?

Ich habe keine Ahnung, denn meine Leistung hatte gestimmt. Wie gesagt begann ich als Stammspieler, schoss Tore (zuckt mit den Achseln).

Hattest du nicht genug Vertrauen zu ihm, um darüber zu sprechen? Um zu erfahren, was los war …

Es war nicht so, als wenn es kein Vertrauen gab, aber ich habe die Entscheidungen des Trainers immer respektiert …

Die Leute – in Bilbao weiß ich nicht genau, aber selbstverständlich im Rest des Landes – haben sich gefragt, was denn da los war. Wir verstanden das nicht, hatten dich ja schließlich seit Kindestagen spielen sehen.

In Bilbao fragten sich das die Leute auch. Ich weiß, dass es viele Fans gab, die sich das fragten … aber er vollzog einen Wechsel in dieser Hinsicht und für mich ging es vom Stammspieler an den ersten Spieltagen – das Team stand oben, ich machte Tore – so weit, dass ich praktisch in der Versenkung verschwand. Da wusste ich, dass ich nicht mehr spielen würde, ganz egal, was passierte.

All das passiert dir mit 27, 28 Jahren, das ist ja im Prinzip die Blütezeit eines Sportlers, und dann kommst du in eine Dynamik, die sich über die Jahre nicht mehr ändert. Im nächsten Jahr kommt Ernesto Valverde, beim Team läuft es gut, aber du spielst nur ein Spiel von Beginn an. Welche Erklärung hast du dafür?

Ich kann es dir nicht erklären. Ich bin Profi, habe immer voll trainiert und 24 Stunden auf meinen Körper geachtet. Ich dachte, ich könnte spielen, aber sie entschieden, andere aufzustellen.

Ich habe ein Statement von dir gelesen, dass irgendwann jeder Nachwuchsspieler eher aufgestellt wurde als du. Und wenn es keinen Nachwuchsspieler gab, wurde jemand verpflichtet, um auf deiner Position zu spielen ...

Das war so. Dazu gibt es Daten.

Hattest du das Gefühl, dass das gegen dich persönlich ging?

Ach, das weiß ich nicht. Mir war aber klar, dass ich nicht spielen würde. Nicht, weil es mir jemand gesagt hätte, sondern weil man das merkt: Derjenige auf deiner Position verletzt sich, und du spielst nicht, er ist nicht in Form, du spielst nicht, es wird etwas geändert und du spielst nicht …

[...]

Hattest du zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl, dass du für deine Loyalität gegenüber dem Klub nichts zurückbekommst?

Ich bin ein Klubmensch, vom ersten bis zum letzten Tag. Sowohl auf dem als auch neben dem Platz habe ich immer alles getan, was der Klub wollte. In Wahrheit tue ich das immer noch, wenn sie mich anrufen, denn ich gehöre für immer zu Athletic und kann dort niemandem in keiner Hinsicht etwas vorwerfen. Allerdings ist es auch so, dass sich, wenn ein neuer Präsident kommt, viele nicht daran erinnern, was du getan hast … oder sie wollen sich nicht daran erinnern. Alles, was man gemacht hat oder geopfert hat. Aber ich bin stolz auf alles, was ich erlebt habe.


Quelle Interview: Jot Down Magazine
https://sport.jotdown.es/2023/02/14/julen-guerrero-llega-un-dia-en-que-no-te-dicen-que-te-vayas-pero-ves-que-no-vas-a-jugar-e-ir-a-entrenar-se-te-hace-complicado/
Übersetzung: Dirk Segbers

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