Iribars Tränen und Alptraum Falcao



Auf den eigenen Nachwuchs setzen, nur auf lokale Spieler bauen, dazu den richtigen Trainer auf der Bank. Mit diesem Konzept kann auch im Fußballgeschäft des 21. Jahrhunderts der ganz große Wurf gelingen – sogar in Europa. Das alles und nicht weniger sollen die Athletic-Spieler am 9. Mai 2012 unter Beweis stellen. Obendrein soll natürlich noch der Titelhunger der Fans gestillt werden. 35 Jahre sind vergangen seit dem letzten internationalen Finale, dem ersten der Vereinsgeschichte, das 1977 mit einer Niederlage gegen Juventus Turin endet. Die letzte Meisterschaft und der letzte Pokalsieg feierte man vor fast 30 Jahren. Diesmal muss der Titel her. Am Tag nach dem Finaleinzug hatte Mittelfeldakteur Javi Martínez getwittert: „Gestern ist mir die ganze Tragweite dessen, was wir erreicht hatten, bewusst geworden, als ich in die Kabine kam und die Tränen eines gewissen JOSE ANGEL IRIBAR gesehen habe.“ Wenn die größte aller Klublegenden ein paar Freudentränen verdrückt, dann musste wirklich etwas sehr Großes gelungen sein.

Der immense Druck, der auf den Spielern um Kapitän Andoni Iraola lastet, ist besonders in den Anfangsminuten des Finales spürbar. Radamel Falcao, der quirlige kolumbianische Angreifer des Gegners aus Madrid, schlägt bereits in der 7. Minute zu. Spätestens nach seinem 13. Saisontor in der Europa League, das 2:0 nach einer guten halben Stunde, rückt für die Athletic-Spieler die Krönung einer großartigen Saison in weite Ferne. Nach der 0:3-Niederlage wird es ein tränenreicher europäischer Saisonabschied, für Spieler und mitgereiste Fans. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen.

Bereits die Vorrunde von Athletic ist ein Fest für Fußballromantiker. Ganz so, als wolle der Fußballgott allen zeigen, dass Tradition und ein lokales Konzept schwerer wiegen als Investorenmillionen in einer globalisierten Fußballwelt, bekommt Athletic den Retortenklub RB Salzburg und den aus Katar finanzierten PSG zugelost. Athletic lässt beide hinter sich. Im Achtelfinale muss Manchester United den Hut nehmen. Der 3:2-Auswärtssieg vor 8.000 mitgereisten Athleticzales wird in Bilbao bis heute als „die Eroberung von Old Trafford“ gefeiert. Im Viertelfinale wird Schalke 04 mit Raúl nach Hause geschickt und im Halbfinale Sporting Lissabon niedergerungen. Am Ende der Finalnacht von Bukarest jedoch scheitern Javi Martínez, Fernando Llorente und Ander Herrera mit ihren Kameraden dieser einzigartigen Athletic-Mannschaft unter „El Loco“ Marcelo Bielsa. Der Argentinier hatte das Team in seiner ersten Saison gleich in zwei Finals geführt. Und obwohl auch zwei Wochen später das Finale der Copa del Rey gegen den FC Barcelona verloren geht, steht am Ende die außergewöhnliche Saisonleistung eines Klubs, der anders denkt und handelt als andere, auch noch im 21. Jahrhundert. Ein Beispiel für ganz Europa.

An den fabulösen Auftritt von Radamel Falcao kann sich der damalige Athletic-Kapitän auch neun Jahre später selbstverständlich, wenn auch schmerzlich, erinnern. Andoni Iraola ist mittlerweile Trainer bei Athletics Ligarivalen Rayo Vallecano. Ende September 2021 nimmt Iraola den vertraglosen Falcao unter seine Fittiche. Beim Duell in San Mamés wenige Wochen später wechselt der Coach ihn in der 76. Minute ein, in der siebten Minute der Nachspielzeit trifft dieser zum 2:1-Sieg für Rayo Vallecano. Schmerzhaftes Deja-Vu für die Athletic-Fans, bittersüßes für Athletic-Legende Andoni Iraola.

José Ángel Iribar wird derweil hoffen, zu Lebzeiten noch ein weiteres internationales Endspiel seines Klubs verfolgen zu dürfen. Und dann sollen die Freudentränen nach dem Finale fließen, nicht davor.

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