Vom "Roten Geschoss" zum "Blindgänger"
Den Ball nicht in den Fuß spielen, so lautet die Ansage von Fred Pentland. Der englische Starcoach will 1929, bei seiner zweiten Amtszeit beim Athletic Club, die unglaubliche Schnelligkeit von Guillermo Gorostiza nutzen. Für sein Mittelfeld gilt daher die Vorgabe, das Leder stets einige Meter in den Lauf des Linksaußen zu passen. Gorostiza zündet den Turbo und nur die wenigsten können ihn aufhalten. Der Legende nach läuft er so schnell, dass die rot-weißen Streifen des Trikots zu einem Rotton verschwimmen, daher sein Spitzname: „La bala roja“, das rote Geschoss.
In seiner Jugend plagt Gorostiza ein Problem – genau genommen sind es zwei: Vom Lernen hält er wenig bis nichts: Er kickt lieber, statt die Schulbank zu drücken. Sein Vater wiederum, ein angesehener Arzt in Bilbao, hält wenig bis nichts vom Kicken. So wenig, dass er seinen Sprössling zur Strafe nach Buenos Aires verschifft. Dort hält der es jedoch nicht lang aus, kommt auf dem Rückweg fußballerisch bei Racing Ferrol in Galizien unter und landet schließlich über Arenas de Getxo beim Athletic Club in seiner Heimatstadt Bilbao. Mit dem Fußball kann man jetzt offiziell Geld verdienen, und sein Verein ist einer der ganz großen in der neu gegründeten Primera División. Coach Fred Pentland schenkt ihm das Vertrauen, das er außerhalb des Fußballfeldes von wenigen erfährt. Sobald aber das Training beendet, das Spiel vorüber ist, taucht er in seine private Welt ein. „Gorostiza fand immer noch irgendwo ein letztes brennendes Licht, eine letzte Bar, ein letztes Freudenhaus, wo die Tür einen Spalt geöffnet war. Im Morgengrauen tauchte er wieder auf […] Ermahnungen halfen nicht weiter. Auf dem Spielfeld erreichte er, dass ihm wieder verziehen wurde, indem er die Gegner zur Verzweiflung brachte und den Spielstand in die Höhe schnellen ließ“, schreibt José Ignacio Corcuera für das Forschungs- und Statistikzentrum des spanischen Fußballs (CIHEFE).
Versuche, Gorostiza mit braven Kollegen in ein Hotelzimmer zu stecken, in der Hoffnung, er lasse sich bekehren, scheitern. Der Legende nach meldet sich jemand kurz vor einem Spiel in Vigo, nachdem Gorostiza zwei volle Tage verschollen war: „Draußen steht ein Bettler, der behauptet, Gorostiza zu sein. Sieht auch ein bisschen so aus. Soll ich ihn reinlassen?“ Es ist tatsächlich Gorostiza, und er selbst hat nicht die geringste Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Aber er läuft im Spiel auf und trifft.
Die beiden Konstanten in Gorostizas Leben sind Fußball und Alkohol. Mit dem Athletic Club erringt er dennoch bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 und der anschließenden Ligaunterbrechung vier Meister- und ebenso viele Pokalsiegertitel. Auch nach dem Krieg bleibt er seinem Klub treu, bevor seine Zeit beim Athletic Club 1940 jäh endet, als der Klub ihn gegen eine ordentliche Ablöse zum FC Valencia transferiert, denn Gorostizas Eskapaden halten an und auf seiner Position ist mit Piru Gainza ein neuer Stern aufgegangen.
Bis zu seinem 40. Lebensjahr bleibt Guillermo Gorostiza dem aktiven Fußball treu, sechs Spielzeiten in Valencia und danach in der zweiten und dritten Liga. Als der Fußball nicht mehr ist, bleibt nur der Alkohol. Mit 59 Jahren verstirbt Gorostiza allein in einem Krankenhaus, mit einer goldenen Zigarettenschachtel, die ihm der Präsident des FC Valencia überreicht hatte, als einzigem Besitz. Von der „Bala roja“ zur „Bala perdida“, so beschreibt es sein Mitstreiter beim FC Valencia, Vicente Asensi: vom roten Geschoss zum Blindgänger. Als Bestandteil des „ersten historischen Angriffs“ ist er mit 196 Treffern in 256 Spielen aktuell der viertbeste Torschütze in der Geschichte des Athletic Club.

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