Wer darf, wer durfte und wer wird dürfen?

 

Mit eigener Jugend und Fans braucht man keine Importe, meinen viele Athletic-Fans

Im Jahr 2020 stirbt – weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit – ein großer spanischer Fußballer am Coronavirus. Der 1938 in der damaligen Kolonie Äquatorialguinea geborene Miguel Jones kommt im Alter von fünf Jahren nach Bilbao, wo er gemeinsam mit sechs Geschwistern aufwächst. Fußballerisch macht er in den 1950er-Jahren bei diversen Amateurklubs der Stadt auf sich aufmerksam. Athletic-Coach Ferdinand Daučik findet schnell Gefallen an ihm. Himmel und Erde habe der Slowake in Bewegung gesetzt, um den Klubpräsidenten Enrique Guzmán davon zu überzeugen, ihn verpflichten zu dürfen, so sagt Jones selbst. Er trainiert sogar rund einen Monat mit der Mannschaft in San Mamés und bestreitet ein Freundschaftsspiel für Athletic. Aber die Kluboberen verweigern seine Verpflichtung.

Die Klubphilosophie habe zu seiner Zeit vorgeschrieben, dass alle Spieler in der Provinz Bizkaia geboren sein müssen, sagt Jones 2013 in einem Interview. So zieht es ihn zu Atlético Madrid, wo er einmal die Meisterschaft und dreimal die Copa del Rey gewinnt. Die Athletic-Mannschaft der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre geht derweil als „Elf Jungs vom Dorf“ in die Geschichte ein. Die Bezeichnung geht auf das Team zurück, das 1958 die Copa gewinnt und in dem alle Spieler in einem Umkreis von etwa 40 Kilometern um San Mamés geboren wurden. Die Klubphilosophie ist allerdings nirgends niedergeschrieben und sie wird bereits damals flexibel interpretiert. So laufen auch in den 1950er-Jahren einige Spieler auf, die außerhalb von Bizkaia geboren wurden, darunter José Luis Estenaga oder Miguel Etxaniz aus der Nachbarprovinz Gipuzkoa. Im Falle von Miguel Jones bleibt daher der Zweifel, ob andere Gründe ausschlaggebend für die Entscheidung des Klubs sind. So auch bei Jesús Pereda, der in der Nachbarprovinz Burgos geboren, aber bei einem Klub aus Bilbao ausgebildet wird. Nachdem Athletic ihn ablehnt, macht er bei Real Madrid und FC Barcelona Karriere. Seine Nicht-Verpflichtung soll auf Reibereien zwischen seinem Ausbildungsverein und Athletic zurückzuführen sein. Was waren aber die Gründe bei Miguel Jones, warum lief er nie für Athletic auf? „Die Leute suchen irgendetwas, wo nichts ist. Dass es so war, weil ich schwarz bin, ist Quatsch“, schließt er gelegentlich kolportierte rassistische Motive kategorisch aus.

„Die Philosophie des Athletic Club ist eine sich über die Zeit erstreckende Tradition. Im Laufe der Geschichte wurde sie zunehmend als selbstverständlich erachtet, während sie sich gleichzeitig stets verändert hat“, schreibt Athletic-Chronist Jon Rivas. Zur aktiven Zeit von Miguel Jones ist die Philosophie sehr restriktiv, führt aber auch zu den gewünschten Erfolgen. Besondere Ereignisse wie der Triumph in der Copa del Rey 1958 gegen das vermeintliche übermächtige Real Madrid haben im Laufe der Klubhistorie immer wieder dazu beigetragen, dass sich die Philosophie weiter verfestigt. So sehr, dass sie im Innern praktisch nie ernsthaft infrage gestellt wird. „Außer bei vereinzelten Fragen während der Fragerunden im Anschluss an Mitgliederversammlungen war sie nie Gegenstand von Diskussionen jenseits derer, die von der Presse angestoßen wurden. In der letzten Zeit lautete – beispielsweise auch in den Sozialen Medien – die einhellige Meinung, dass die Verpflichtungspolitik unantastbar ist“, so Jon Rivas.

In den Anfängen des Klubs sind ausländische – vornehmlich britische – Nachnamen in den Mannschaftsaufstellungen allerdings noch Gang und Gäbe. Titel sollen gewonnen werden und dafür braucht es Profis und Halbprofis aus dem Ausland. Anfang des 20. Jahrhunderts will Athletic einen Spieler verpflichten, der Jahrzehnte später den Klub als Trainer für immer prägen wird: den Engländer Fred Pentland. Damals ist es noch üblich, Spieler nur für ein einziges wichtiges Turnier zu engagieren und Athletic will Pentland für die Copa del Rey 1910. Der lehnt jedoch ab, weil er in England einen Vertrag besitzt und die englischen Profiklubs keine Engagements im Ausland erlauben. Dennoch verpflichtet der Klub nicht weniger als fünf Engländer für die Copa: Die Namen Veitch, Sloop, Martyn, Grapham und Burns sind in den Klubarchiven verzeichnet. Etwa 60 Ausländer dürften laut Aufzeichnungen in jener Zeit für den Klub aufgelaufen sein, darunter neben Engländern auch Schweden und Iren. Das bringt dem Klub aus Bilbao bei Puristen den zweifelhaften Ruf ein, man schummele, um Titel zu erringen.

Ab 1911 werden die Ausländer bei allen spanischen Klubs immer weniger. Der Fußballverband begrenzt deren Anzahl nämlich auf drei pro Team, wenig später wird der Einsatz von Spielern ohne spanische Staatsangehörigkeit komplett verboten. Das spielt jedoch kaum eine Rolle für Athletic: Zu jenem Zeitpunkt ist es dem Klub ohnehin finanziell unmöglich, Spieler von außerhalb gegen Bezahlung zu engagieren. 1913 wird das Estadio San Mamés errichtet – der Bau spült die Kassen leer. Gleichzeitig wird der Fußballsport in der Breite immer beliebter. In Bizkaia wie auch andernorts im Land bringen Jugendturniere verheißungsvolle Talente hervor. Somit ist die Klubphilosophie zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als das Ergebnis einer natürlichen historischen Entwicklung. Eine exakte Geburtsstunde lässt sich nicht feststellen. Bei Athletic spielen junge Männer aus Bizkaia, weil diese immer besser im Fußball werden und weil es kein Geld für Spieler von anderswo gibt. Angenehmer Nebeneffekt: Man kann den Ruf als „Schummelklub“ ablegen.

Der Tradition, nur mit Spielern aus der Region aufzulaufen, bleibt man auch über die Professionalisierung des Fußballs in den 1920er-Jahren und bis nach dem Bürgerkrieg treu, ohne dass diese jemals explizit in der Klubdokumentation Erwähnung findet. Nach Ende des Bürgerkriegs setzt sich die Mannschaft, die 1942/43 das Double aus Meisterschaft und Copa erringen wird, aus Spielern zusammen, die im Rahmen von Jugendturnieren gescoutet werden. In den 1940er- und 1950er-Jahren bringen die örtlichen Ausbildungsvereine so viele junge Talente hervor, dass diese zu anderen Klubs „exportiert“ werden müssen – bei Athletic ist kein Platz für alle jungen Topspieler aus der Region. Die Frage nach Spielern von außerhalb stellt sich daher erst gar nicht. Zwischen 1930 und 1960 wird kein einziger Spieler verpflichtet, der zuvor bei einem anderen Klub in der Primera División unter Vertrag stand. In jenen 30 Jahren laufen weniger als 20 Spieler für Athletic auf, die außerhalb der Provinz Bizkaia geboren wurden. Die ungeschriebene Norm lautet: in Bizkaia geboren oder ausgebildet. Auch in den 1960er-Jahren hat dies weiter Bestand. Torwartlegende José Ángel Iribar bildet dabei keine prominente Ausnahme, auch wenn dies häufig behauptet wird. Er wurde zwar in Zarautz in der benachbarten Provinz Gipuzkoa geboren, allerdings bei CD Basconia aus Basauri in der Provinz Bizkaia ausgebildet und von dort verpflichtet.

In den 1970er-Jahren erfolgt dann ein bedeutender Bruch, geradezu eine Revolution. Zum ersten Mal werden Spieler von direkten Konkurrenten aus der Primera División verpflichtet, darunter 1975 Javier Irureta von Atlético Madrid. Alle stammen jedoch selbstverständlich aus der Region. Die Revolution besteht also nicht in einer Lockerung in puncto geografischer Herkunft, sondern darin, dass zum ersten Mal seit den Klubanfängen das Scheckbuch für die Verpflichtung von Spielern gezückt wird. José Antonio Eguidazu, Klubpräsident von 1973 bis 1977, stellt in einem Interview mit „Mundo Deportivo“ klar: „Athletic hat Geld. Aber ich kann Ihnen versichern, dass der Klub niemals seine Politik aufgeben wird, auf Spieler aus der eigenen, regionalen Jugend zu bauen.“ Im Jahr 1971 wird das klubeigene Trainings- und Nachwuchszentrum in Lezama eröffnet, das bis heute eine der Säulen der Philosophie bildet. Auf die Frage, seit wann diese besteht, antwortet Eguidazu: „Seit jeher. Sie ist Ausdruck unserer Art und Weise, den Sport zu verstehen. Mit Personen, die – weil sie aus unserer Heimat stammen – unsere Farben vertreten wie niemand sonst und wissen, was es bedeutet, unser Trikot zu tragen.“

In den folgenden Jahrzehnten passt Athletic sich den Gegebenheiten des Transfermarkts an, ohne dabei die Prinzipien zu vernachlässigen. Der Klub übersteht den Sturm des Bosman-Urteils Mitte der 1990er-Jahre und die Erweiterung der europäischen Wettbewerbe, die zu einem immer größeren Reichtum einiger weniger Klubs führt. Athletic verpflichtet punktuell – und für immer höhere Summen – erfahrene Spieler, ebenso werden Talente zu anderen Klubs im In- und Ausland transferiert. 2018 verlässt Aymeric Laporte den Klub für 65 Mio. Euro Ablöse Richtung Manchester City und wird umgehend positionsgetreu durch Iñigo Martínez ersetzt, der für 32 Mio. Euro von Real Sociedad kommt. Athletic mischt auf dem Transfermarkt mit, insofern die sportliche oder finanzielle Notwendigkeit besteht. Im Kern der Klubphilosophie steht jedoch weiterhin das Setzen auf die eigene Jugend und der Wunsch, jeden Spieler langfristig zu binden. Ist dies nicht möglich, werden höchstmögliche Transfersummen abgerufen und die Erlöse zu einem großen Teil in die Nachwuchsarbeit investiert.

Inmitten der fortschreitenden Kommerzialisierung der Fußballwelt gelingt es Athletic, einen Mittelweg zwischen Traditionsbewahrung und Modernisierung zu finden. Über ein hochmodernes Stadion zu verfügen und an jahrzehntealten Werten festzuhalten, schließt sich nicht gegenseitig aus. In ihren Grundfesten hat die Philosophie bis heute Fortbestand – einzig die geografische Eingrenzung verschiebt sich über die Jahre deutlich. Außer aus Bizkaia dürfen die Spieler nun auch aus den übrigen Provinzen des Einflussbereiches der baskischen Sprache und Kultur stammen oder können dort ausgebildet worden sein. Seit einigen Jahren gibt es eine Verschriftlichung der Philosophie, die auf der Website des Klubs – jedoch nicht in den Vereinstatuten – zu finden ist. Dort heißt es unter anderem: „Die Gesamtheit der Fußballer des Athletic Club wurde in Euskal Herria geboren oder dort ausgebildet.“

Dies umschließt selbstverständlich auch die Frauenmannschaften des Klubs, die seit rund 20 Jahren aktiv sind. 2019 dringt durch, dass Athletic Bibiane Schulze Solano
 für die zweite Frauenmannschaft verpflichten will. Die Spielerin ist im Taunus geboren und wurde beim 1. FFC Frankfurt ausgebildet. Ihr Vater ist Deutscher und ihre Mutter Baskin aus einem Dorf unweit von Bilbao. Sie besitzt die deutsche und die spanische Staatsangehörigkeit. Als die geplante Verpflichtung öffentlich wird, stürzt sich die Presse beider Länder, von „El País“ über „Marca“ bis hin zu „11 Freunde“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, auf das heiße Eisen Klubphilosophie. Nehme man diese im Wortlaut, dann erfülle die Spielerin keine der Voraussetzungen, um für den Klub auflaufen zu dürfen, so die einhellige Auslegung in den Redaktionen. „Nicht baskisch genug für Athletic Bilbao?“, titelt beispielsweise die „FAZ“. Dabei werden die beiden vom Klub geforderten Charakteristika – in Euskal Herria geboren oder ausgebildet – als Gesetze dargestellt, die in diesem Fall gebrochen werden. „11 Freunde“ wittert sogar ein spanisch-baskisches Dilemma. Man stellt die Vermutung an, der spanisch klingende zweite Nachname „Solano“ sei in Bilbao auf Ablehnung gestoßen: Bei einem baskisch klingenden Nachnamen gäbe es die ganze Diskussion vielleicht gar nicht. Mit einem Federstrich erhält die Debatte – auf der Suche nach Clicks und Share – eine politisch-ideologische Färbung. Die damals erst 20-jährige Bibiane Schulze Solano steht plötzlich im ungewohnten Rampenlicht. Dabei will sie nur in der Heimat ihrer Mutter, die sie auch als ihre eigene betrachtet, bei ihrem Lieblingsklub den Traum vom Profifußball verfolgen.

Zwischen der Familie und Athletic besteht eine enge Verflechtung: José María Belaustegigoitia „Belauste“ ist Bibianes Urgroßonkel und war in den 1920er-Jahren einer der Stars des Teams. Klubpräsident Aitor Elizegi schweigt lange zur Thematik und sagt schließlich, er halte die gesamte Debatte für künstlich konstruiert. „Bibiane passt in die Philosophie. Ihre Familie passt, ihr Lebensweg, ihre Kenntnis von Athletic, ihr Wunsch, für diesen Klub aufzulaufen und ihr Respekt gegenüber unserem Wappen“, beschließt er im Rahmen einer Pressekonferenz. Bibiane Schulze Solano feiert 2020 ihr Debüt für die erste Frauenmannschaft, woraufhin die Thematik erneut Gegenstand einiger Publikationen in beiden Ländern wird. Zur Saison 2021/22 wird sie zum FC Valencia verliehen, um dort Spielpraxis in der höchsten Liga zu sammeln. Ihr Herz schlägt jedoch für Athletic, und nach ihrer Rückkehr im Sommer 2022 verlängerte sie ihren Vertrag bis 2025.

Der Fall Schulze Solano zeigt, wie je nach amtierendem Präsidenten die Klubphilosophie durchaus unterschiedlich ausgelegt wird. Aitor Elizegi hält in einer zunehmend globalisierten Fußballwelt seine aktuelle Auslegung für zeitgemäß: Eine klare Verbindung der Spielerinnen und Spieler zur Region, zu ihrer Geschichte und ihren Traditionen muss zu erkennen sein. Außer dem Geburtsort oder dem Standort des Ausbildungsvereins kann für ihn auch eine starke familiäre und emotionale Bindung zum Klub ausschlaggebend sein: ihn von klein auf verfolgt zu haben, mit ihm gelitten und gefeiert zu haben sowie seine Werte zu leben. Die Spielerinnen und Spieler sollen Athletic-Fans sein, die das Privileg genießen, für das Team ihres Herzens auf dem Platz stehen zu dürfen.

Der Athletic Club versteht sich auf Grundlage seiner ganz besonderen Philosophie als klarer Gegenentwurf zu europäischen „Megaklubs“, die nach immer mehr Titeln und immer mehr Einnahmen streben. Das Prinzip der Identifikation mit dem Klub wird dem Prinzip des Reichtums vorangestellt. Mit den vorhandenen Ressourcen soll der maximale Erfolg erreicht werden. „Während die Fußballwelt dem Pfad folgt, den die Entertainmentindustrie vorgibt, geht der Athletic Club seinen eigenen Weg gegen den Strom“, heißt es auf der Website des Klubs. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Klubs fußen auf dieser Philosophie. Sie ist das vielleicht stärkste Alleinstellungsmerkmal im weltweiten Profifußball und fest in der DNA des Athletic Club verankert – ganz gleich, wie sie zum jeweiligen Zeitpunkt der Geschichte im Detail ausgelegt wird.

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